Open Call: REGIONALE 18 (Bewerbung deutsch / français)

Ausstellung aktuell

Site Visit
24.03. – 23.07.2017

site_visilt_Grundriss-KV_EG (click for http://sitevisit.site )

Ein site visit ist meist Teil der Ausstellungsplanung: Eine KünstlerIn besucht einen Ort im Hinblick auf eine zukünftige Ausstellung. Ausgehend von diesem Ritual lädt der Kunstverein Freiburg über zwei Ausstellungsperioden hinweg Gäste ein und kombiniert dies mit Verschiebungen bestimmter zeitlicher und räumlicher Parameter seines Ausstellungsbetriebs. Das Format zielt weniger auf eine Bestandsaufnahme als auf Zukunftsentwürfe: Es fragt, was sein könnte, und nimmt Potentialitäten künstlerischer Praktiken sowie Formen ihrer Präsentation von einer Zukunft aus in den Blick.

Unser Blick in die Zukunft wirkt gegenwärtig verdeckt. Statt etwas Unbekanntes zu öffnen, scheinen immer bessere Prognosen und Techniken zur Verwaltung des Künftigen lediglich das Gegenwärtige auszudehnen. In dem Spannungsverhältnis zwischen einer scheinbar ewigen, ins Katastrophische kippenden Gegenwart und einer offenen, begehrenswerten Zukunft entwickelt sich Site Visit. Bezogen auf die Aktivitäten des Kunstverein Freiburg ließe sich Zukunft planen und verwalten, indem man das knappe Budget auf bewährte Weise einsetzt, um die Halle mit Ausstellungen und Begleitprogrammen zu bespielen. Auch vor dem Hintergrund pragmatischer Überlegungen wie Zahlenverschiebungen auf Excel Sheets ist Site Visit ein Experiment, diese Routine zu unterbrechen und dem Faktischen durch das Mögliche neue Konturen zu geben.

Eingeladen werden KünstlerInnen und andere Gäste, deren Arbeit für die Aktivitäten des Kunstvereins relevant sein könnte – sowohl für kommende Ausstellungen als auch in Hinblick auf Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Kunst. Ein Schwerpunkt liegt auf künstlerischen Praktiken, die Formen der Kooperation und Selbstorganisation beinhalten oder sich in ihre eigenen Voraussetzungen und Zirkulationsformen einschalten. Wie ein site visit ist die Einladung auf die Zukunft gerichtet – auf etwas, das mit dem Kunstverein Freiburg realisiert werden könnte, bis hin zu etwas, das komplett utopisch oder fiktiv erscheinen mag. Bei ihrem in der Regel mehrtägigen Besuch bekommen die Gäste einen Eindruck der Institution und ihren Gegebenheiten. Gleichermaßen ermöglicht das Format den BesucherInnen und Mitgliedern des Kunstvereins, die Gäste kennenzulernen und einen Eindruck ihrer Arbeit, Fragen und Ideen zu bekommen.

Die Gäste werden gebeten, etwas mitzubringen. Es muss kein fertiges Werk sein, ebenso kann es sich um einen Prototyp, eine unabgeschlossene oder eine in situ Arbeit handeln. Die Beiträge können den Kunstverein oder einen Aspekt seiner Arbeit betreffen, ebenso aber auch davon losgelöste Zukunftsspekulationen sein. Jeder Besuch ist mit einer Veranstaltung verbunden, die unterschiedliche Formen annehmen kann: Performance, Gespräch, Exkursion, Vortrag, Wanderung ... Statt eine im Voraus geplante Ausstellung zu verwirklichen, kann mit jedem Besuch das Geschehen und Material weiter ins Unbekannte wuchern.

Harm van den Dorpel entwickelt für Site Visit die Website http://sitevisit.site mit Online- Beiträgen der einzelnen Gäste. Das KünstlerInnen-Duo It’s Our Playground schafft das adaptierbare und erweiterbare Ausstellungsdisplay Framework zur räumlichen Präsentation der unterschiedlichen Beiträge.

Während der Laufzeit von Site Visit wird das Büro des Kunstvereins in die Ausstellungshalle verlegt. Damit werden die Personen und Prozesse, die hinter der Ausstellungsplanung stehen, ein Stück weit sichtbar. Vor allem aber sollen die BesucherInnen und das Team des Kunstvereins ins Gespräch kommen können. Das Büro, das nach Eröffnung einer Ausstellung vor allem an zukünftigen Projekten arbeitet, wird so in die Zeitlichkeit der Ausstellungshalle zurückgeholt.

 

Louise Guerra
Further Futures, Chapter 20
Samstag, 22.07.2017, 19 Uhr

stone_roses_3 further futures, chapter 20, louise guerra 2017 „I want to move" she said, and started twirling at the strings that tied their robe to the tree. „I don't", she said, and kept on staring at the stupid robo-screen. A sense of disappointment spreads similar to that of the small child that reaches for the flowing stream of water to grab it like a rope. They began to collect the water in small vessels and place them in rows on the edge of the bathtub...

Further Futures ist eine fiktive Ausstellung, die an einem Abend als Narration in den Raum gesponnen wird. Die Künstlerin collagiert und diskutiert in ihrer performativen Ausstellung zum Site Visit Auszüge aus ihren Chapters.

Louise Guerra ist Künstlerin, Kuratorin und Kunstlehrende. Sie wurde 2013 in Basel gegründet. Ein Überblick über ihre Chapters findet sich hier: www.louiseguerra.ch

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Freiburger Museumsnacht statt.
Eintritt Freiburger Museumsnacht:
Vorverkauf / mit Museums-Pass-Musées 8 €
Abendkasse 10 €

Mitglieder des Kunstvereins Freiburg, die ihren Mitgliederausweis vorlegen können, haben freien Eintritt. Bitte bringen Sie Ihren Mitgliederausweis mit.

 

Angela Jerardi & Antonia Lotz
Future activity, or how to compost an art institution
Samstag, 08.07.2017, 15 Uhr

stone_roses_3 Christoph Westermeier, 30. Mai 2015 (Simone Nieweg, Wirsing, Steinhagen, 1990), 2015, © Christoph Westermeier / VG Bild-KunstAngela Jerardi & Antonia Lotz laden zu gemeinsamen Überlegungen über Verdauung, Verfall und das darin verborgene Potential für Regeneration und Transformation ein. Können wir etwas zusammenbringen und die Würmer fragen dabei mitzumachen? Componere bedeutet so viel wie zusammenstellen, -setzen oder -legen –, also ist Kompost vielleicht ein „Arrangement“? Das englische Wort für bescheiden humble leitet sich von Humus ab, im Lateinischen für Boden oder humilis, niedrig. Es hilft, uns daran zu erinnern, dass, wenn wir kompostieren, dies nicht alleine tun. Es hilft, uns daran zu erinnern, dass wir immer alles nicht alleine tun. Was passiert, wenn wir etwas kompostieren? Wenn eine Polyfonie von Mikroben, Pilzen und Würmern Kartoffelschalen und Karottenköpfe in das Geschenk reichhaltiger Erde verwandelt, können zeitgenössische Kunstinstitutionen sich nicht selbst in etwas Neues kompostieren?

Angela Jerardi (* 1979, USA) ist freie Kuratorin und Autorin und lebt in Amsterdam. Antonia Lotz (* 1979, Deutschland) ist Kuratorin der Sammlung Generali Foundation am Museum der Moderne Salzburg. Zusammen haben sie 2015 auf Schloss Ringenberg und im Museum für Gegenwartskunst Siegen die Ausstellung Weder hier noch dort, weder Fisch noch Fleisch kuratiert.

Die Veranstaltung ist auf Englisch.

 

Mirak Jamal & Santiago Taccetti
Stoneroses #7
Samstag, 01.07.2017, 15 Uhr

stone_roses_3 Stoneroses #3, Grunewald, Berlin, 2015 „Die ersten drei Folgen von Stoneroses fanden im Grunewald bei Berlin statt (2014 und 2015). Sie bestanden aus Arbeiten eingeladener KünstlerInnen, die in dem Waldgebiet verstreut waren und in den Außenraum eingriffen. Werke, die in verdeckten und zu entdeckenden Winkeln versteckt waren, wurden von uns in einer mündlich geführten Tour verbunden. Bei jeder Wanderung wurden Orte in veränderten Zuständen aufgesucht, so dass jeder Kontakt zu einer einmaligen Erfahrung wurde. Diese Wege führten durch nie dagewesene Landschaften; jede Tour beinhaltete neue Begegnungen zu wechselnden Jahreszeiten und folgte einer Ansammlung von Werken, die mal fehlten, mal gefressen, mal überwachsen waren oder deren materielle Grundlage sich langsam auflöste.

Das fortlaufende Projekt entwickelte sich mit Updates neuer Gäste weiter. Die Kartographie des Außenraums umspannte Arbeiten, die sich parallel entwickelten – unabhängig voneinander und doch innerhalb eines Ökosystems. KünstlerInnen bearbeiteten über einen längeren Zeitraum die Landschaft und schufen ein Projekt ohne gemauerte Grenzen, ohne zeitlichen Abschluss, erfahrbar nur durch unsere angekündigten Touren. Nach drei Folgen im Berliner Grunewald ging das Projekt mit neuen beteiligten KünstlerInnen zu externen Gastgebern: zum Ausstellungsraum Minibar in Stockholm, nach Riverside in Bern und schließlich ins Cabaret Voltaire im Rahmen der Manifesta in Zürich (alle 2016).

Für die siebte Folge unseres kollaborativen Projekts laden wir im Rahmen von Site Visit BesucherInnen in den Kunstverein Freiburg ein, von wo aus wir aus dem Ausstellungraum heraus zu einer Wanderung aufbrechen. Nach einer Einführung im Kunstverein werden wir ausgewählte Boxenstopps aufsuchen. Bei jedem Halt werden wir ein spezielles Banner zu einer früheren Folge von Stoneroses aufhängen und entsprechende Anekdoten erzählen, um dabei eine Vielzahl von Orten aufzurufen und Werke im Wandel der Jahreszeiten widerzuspiegeln.“ (Mirak Jamal & Santiago Taccetti)

Stoneroses ist ein Projekt von Mirak Jamal (* 1979, Iran) und Santiago Taccetti (*1974, Argentinien). www.stoneroses.tk

Die leichte Wanderung wird auf Englisch geführt.

Mit Unterstützung der Botschaft von Kanada:
Botschaft Kanada

 

Dominik Sittig
Monkey Memoir
Donnerstag, 22.06.2017, 19 Uhr

Sittig Monkey Memoir Dominik Sittig, Monkey Memoir, 2017 „Auf dem Planeten Merkur gibt es einen Krater, der heißt Dalí, benannt nach dem berühmten spanischen Künstler. Dalí geistert auch durch einen Traum von Federico Fellini, in dem er dem Regisseur mitteilt, dass die Zeit nun reif sei, dass er, der Träumer, das vatikanische Symbol endlich gegen sein eigenes, also Dalís Signatur, austausche. Anschließend singt der Spanier davon, mit der Stimme eines kleinen Mädchens, wie schön doch das Leben eines Filmemachers sei. Das war 1975. Wie kam es dazu? Und was hat es zu bedeuten, dass Freddie Mercury als Kind noch Farrokh Bulsara hieß, als junger Mann dann aber am liebsten Mark Sheridan, Elvis Presley und Marlene Dietrich in einem sein wollte? Was hat Groucho Marx damit zu tun? Und was Casanova? Und warum sind die alle, alle schon tot? Genau diesen und anderen Fragen spürt mein Vortrag im Kunstverein Freiburg nach: „Monkey Memoir … ich erinnere mich … die Gegenwart … der Tod, ja, und … die Liebe … jaaa …“ (Dominik Sittig)

Nach langer Unterbrechung – der letzte Vortrag war 2012 – hält Dominik Sittig
(* 1975, Deutschland) einen neuen Vortrag. Neben Gemälden basiert seine Arbeit auf Texten, die er in Vorträgen und Büchern veröffentlicht. Die Hinwendung zur Vergangenheit, auf persönliche Prägungen, Erinnerungen und das vermeintlich Vertraute bis hin zum Kitsch ist bei Sittig Teil einer Untersuchung, die letztlich auch in grundsätzliche Fragen des Kunstmachens und Kunstbetrachtens hineinführt.

 

Susanne M. Winterling
Pandora’s Box
Gespräch mit Wolfram Burgard
Samstag, 17.06.2017, 15 Uhr

Susanne Winterling © Susanne M. Winterling 2017 Mit Pandora’s Box hat Susanne M. Winterling ein Forum geschaffen, in dem sie Gespräche mit Kulturschaffenden, Aktivisten, Theoretikern und Wissenschaftlern führt – ein verschlungenes Stoffwechselsystem, das nicht nur Winterlings Schaffen speist, sondern selbst Teil ihrer künstlerischen Praxis geworden ist: http://pandorasbox.susannewinterling.com/

Die Dialoge umkreisen Themen, die unser gesellschaftliches Zusammenleben und Formen der Solidarität betreffen wie auch Fragen, die durch aktuelle Krisen und technologische Entwicklungen aufgeworfen werden. Für ihren Site Visit initiiert Winterling ein Gespräch mit Wolfram Burgard über die Entwicklung autonomer Roboter, über gesellschaftliche Folgen und ethische Möglichkeiten solcher intelligenter, technischer Systeme.

Wolfram Burgard ist Professor am Institut für Informatik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, leitet dort die Arbeitsgruppe Autonome Intelligente Systeme und ist Sprecher des Exzellenzclusters BrainLinks-BrainTools. Er gilt als herausragender Experte für mobile Roboter und erhielt für seine Forschungsbeiträge zur autonomen Roboternavigation bereits viele Preise und Auszeichnungen. Im Freiburger Exzellenzcluster BrainLinks-BrainTools arbeiten Lebens- und Ingenieurwissenschaften gemeinsam an der Entwicklung von Medizintechnik, die direkt mit dem Nervensystem interagiert.

Das Zusammenspiel von menschlicher Subjektivität, Technowissenschaften und Ökosystemen bildet schon länger einen Brennpunkt von Winterlings Arbeit, insbesondere Fragen der Andersartigkeit und die Koexistenz von Lebensformen im Athropozän. Technische Vorrichtungen wie Touchscreens oder Interfaces verbindet Winterling mit biologischen Phänomenen wie die der Biolumineszenz bestimmter Planktonarten und stellt damit vermeintliche Gegensätze zwischen Natur und Technik oder Körperlichkeit und Virtualität in Frage.

 

Stephan Dillemuth
Corporate Rokoko
Samstag, 27.05.2017, 15 Uhr

stephan dillemuth Stephan Dillemuth, The Hard Way to Enlightenment, Installationsansicht, Secession 2012 Foto: Oliver Ottenschläger Das bürgerliche Projekt ist am Ende und mit ihm die Ideale von Aufklärung, Demokratie und Öffentlichkeit: Wir leben im Corporate Rokoko. Stellt die Kunst darin die Hofnarren, bildet sie die Heeresspitze der Kreativwirtschaft oder schafft sie beschauliche Nischenbiotope?

Für Stephan Dillemuths (* 1954, Deutschland) Site Visit wird der Kunstverein zur Akademie. Ein Künstler redet über künstlerisches Forschen, eine Ziege wird gezeichnet, in Ruhe gelassen, sie steht Modell, frisst und läuft herum. Vielleicht versteht sie nicht was gesagt wird und kümmert sich auch nicht darum.

Dillemuth fragt nach der gesellschaftlichen Rolle und den politischen Potenzialen künstlerischen Arbeitens. Schon lange vor Big-Data setzte er sich mit technisch-gesellschaftlichen Überwachungsapparaten und mit der Verwertung des Privaten und der Privatisierung des Öffentlichen auseinander. Unserer ökonomisierten Kontrollgesellschaft stellt er die künstlerische Praxis der bohemistischen Forschung entgegen. Diese Art der subjektiven, improvisierten Forschung ist neugierig, ergebnisoffen und unberechenbar. Sie richtet sich auch gegen ihre Rahmenbedingungen, ist selbstorganisiert und kollaborativ. Dillemuth beschreibt sie als „eine Forschung im Selbstauftrag, eine Forschung im Leben, am Leben und durch das Leben.“

Bitte bringen Sie für das Aktzeichnen Stifte und einen Zeichenblock mit.

 

Chus Martínez
Nicht in die ferne Zeit verliere dich,
Den Augenblick ergreife, er ist dein.

Mittwoch, 17.05.2017, 18 Uhr

Chus MartinezAusgerichtet auf eine Zukunft wird mit Site Visit der Ausstellungsbetrieb des Kunstvereins Freiburg aufgebrochen und hybridisiert. Doch wie könnten neue Rhythmen und Rituale aussehen, die unser Denken herausfordern, uns nähren und zusammenbringen? Wie wäre es, eine Maschine oder Schildkröte zu werden? Müssen hierfür auch Vorstellungen einer linearen, in die Zukunft gerichteten Zeit durchkreuzt werden?

Bei ihrem Site Visit stößt Chus Martínez ein Gespräch an über die Notwendigkeit neuer Rituale, die Rolle von Fabeln, über unterschiedliche Wörter und viele Körper, die zusammentreffen. Die Musik und der Abend werden gestaltet von Severine Christen, Desiree Nüesch, Yanik Soland, Inka te Haar und Adrian Eiserlo.

Martínez (* 1972, Spanien) leitet das Institut Kunst der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Zuvor war sie u.a. Chefkuratorin am El Museo del Barrio in New York (2012–2013), leitete die kuratorische Abteilung der dOCUMENTA (13) (2012) und war Direktorin des Frankfurter Kunstvereins (2005-2008).

 

Aaron Angell
Roman Seal Matrix Forgery Demonstration
Mit Gedichten von Lucy Mercer
Donnerstag, 11.05.2017, 19 Uhr

Aron Angell Aaron Angell, 2017 Aaron Angell (* 1987, Großbritannien) arbeitet in unterschiedlichen Medien, darunter eine Form der Hinterglasmalerei, Keramik und andere Arten von Skulptur. Mit großem Interesse für die Eigenheiten seiner Materialien schafft er skulpturale Entwürfe für Szenarien, die nie verwirklicht werden. Dabei gilt seine Aufmerksamkeit nicht-kanonischer Geschichte, simuliertem Material und literarischen Quellen, darunter u.a. die historischen Romane von Peter Vansittart und die Gedichte von D.M. Black. Den Prozess, in dem sich die Bildwelten solch unterschiedlicher Interessengebiete zu einem neuen Ganzen verschmelzen, beschreibt der Künstler als Kompostieren. Zugleich betreibt Angell die Troy Town Art Pottery, eine radikale und psychedelische Keramikwerkstatt, die KünstlerInnen in London Produktionsmittel für Keramik zugänglich macht.

Für seine Veranstaltung im Rahmen von Site Visit wird Angell vorführen, wie man ein römisches Wachs-Siegel, das einen Brief versiegelt, kopiert. In dem Brief befindet sich ein Gedicht von Lucy Mercer (* 1988, Großbritannien), das im Laufe der Performance vorgelesen wird. Angell wird damit eine praktische Anleitung geben, wie sich eine uralte Authentifizierungs- und Verschlüsselungstechnik fälschen und umgehen lässt. Es folgt ein Screening des britischen Science-Fiction-Thrillers „The Final Programme“ („Verrückt und Gefährlich“) von 1973, der, wie Wikipedia zu entnehmen ist, von einem zeitgenössischen Kritiker als „ein fast vollständiges Desaster“ beurteilt wurde „mit einem Ende, das so albern ist, dass sie ihr Geld zurück haben wollen, sogar wenn sie warten und ihn im Fernsehen anschauen.“

 

Amy Lien & Enzo Camacho
oder
Donnerstag, 04.05.2017, 19 Uhr

Amy Lien und Enzo Camacho Amy Lien & Enzo Camacho Foto: Ilya Lipkin Amy Lien (* 1987, USA) und Enzo Camacho (* 1985, Philippinen) arbeiten seit 2009 zusammen – ursprünglich zwischen New York und Manila, wodurch die Voraussetzungen für eine künstlerische Praxis geschaffen wurden, die bestimmte Brüche im globalen Austausch rückkoppelt. Ihre Arbeit kennzeichnet eine unstete Flexibilität in Bezug auf m aterielle Prozesse und kümmert sich weniger um das Zusammenspiel gängiger künstlerischer Medien (Skulptur, Fotografie, Malerei, Performance etc.) als um das Ineinanderwirken von physischem Material, lebenden Körpern und Information.

Bei ihrem Site Visit stellen Lien und Camacho Aufnahmen für eine Videoinstallation vor, an der sie seit 2012 arbeiten. Ausgangspunkt ist das Melodrama „Palermo oder Wolfsburg“ des experimentellen Filmemachers Werner Schroeter von 1979. Dieser Film folgt der Geschichte eines verarmten, jungen Sizilianers, der nach Deutschland auswandert. Mit der Arbeit im Volkswagenwerk in Wolfsburg beginnt er ein neues Leben, bis eine vereitelte Liebesgeschichte mit einer jungen deutschen Frau dazu führt, dass er zwei deutsche Männer ermordet. Diesen Film nutzen Lien und Camacho als psychologisch aufgeladene Linse, durch die sie transnationale Bewegungen von Arbeit, den globalen Handel und kulturelle Verschiebungen verfolgen, um auch darauf zu verweisen, wie Körper von KünstlerInnen durch solche übergeordneten, ökonomischen Kräfte bewegt werden und zirkulieren. Diese noch im Entstehen begriffene Arbeit umfasst Material, das Lien und Camacho in Palermo, Wolfsburg, Manila, Singapur und zuletzt in Yiwu und Shanghai aufgenommen haben und mit einer geloopten Audiosequenz aus dem ursprünglichen Film verschnitten ist.

 

Pakui Hardware
Hesitant Hand. Automated Efficiency
Donnerstag, 27.04.2017, 19 Uhr

Pakui Hardware Pakui Hardware, Hesitant Hand, 2017. Ausstellungsansicht National Gallery of Art, Vilnius. Foto: Andrej Vasilenko Pakui Hardware ist das Label, unter dem Neringa Černiauskaitė (* 1984, Litauen) und Ugnius Gelguda (* 1977, Litauen) zusammen agieren. Sie erforschen das Ineinanderwirken von Materialien, Technologien und Körpern sowie dahinter stehende ökonomische Kräfte. Ihre Arrangements aus synthetischen Materialien, die auch Organismen oder Maschinen enthalten können, entwickeln spekulative Zukunftsentwürfe, in denen Natürliches und Künstliches zusehends verschmelzen und der Mensch nur ein Akteur unter vielen ist. Solche posthumanen Szenarien stehen auch im Zentrum ihrer Lecture-Performance Hesitant Hand. Automated Efficiency.

Über die letzten Jahre haben wir unsere Routinetätigkeiten schrittweise an Werkzeuge abgegeben: Die private Umgebung und die Industrie werden immer stärker automatisiert, während Menschen sowohl zu Hause als auch in der Arbeit unter programmierbaren, nicht menschlichen Wesen handeln. In der zeitgenössischen Theorie wurde dieser Prozess der Automatisierung, wenn Maschinen ohne sichtbaren menschlichen Einfluss in einem Netzwerk interagieren, als vierte technologische Revolution oder „Industrie 4.0“ bezeichnet. Mechanische, menschliche Arbeit wird hier durch eine Roboter-Choreographie ersetzt, bei der der Mensch eine stärker virtuelle Rolle in dem System übernimmt, indem er für das Programmieren, die Vernetzung und die Energieversorgung seiner automatisierten Kollegen zuständig ist. Es ist ein autonomes Ökosystem, ein posthumanes Kollektiv, das rasant expandiert und immer mehr mechanische Wesen einbezieht.

 

Berthold Reiß
Paradies
Samstag, 22.04.2017, 15 Uhr

Bertold Reiß Berthold Reiß, Paradies, Öl auf Leinwand, 120 x 85 cm, 20171928 lässt Wilhelm Worringer „das Endliche nur im Unendlichen“ erscheinen, wenn er vom Orient spricht. Die Wandbilder, die Berthold Reiß 2017 als Prototypen entwirft, zeigen greifbare Formen vor dunklen Hintergründen. Paradies stellt diese kontrafaktische Perspektive als Mitteilung vor. 2010 beschreibt Angelika Neuwirth das Paradies im Koran als „die Wiederherstellung verlorener Kommunikation“.

In einer Einführung (15 Uhr) zeigt Berthold Reiß seine Arbeit als öffentliche Kunst. Einige seiner Skulpturen verkörpern monumentale Bauwerke, die im öffentlichen Raum nicht denkbar sind, ohne dass sich der öffentliche Raum selbst verändert. Dass diese Skulpturen nur als Abbildungen erscheinen, unterstreicht diese Möglichkeit.

Dagegen besteht die Ausstellung aus Originalen von anderen Künstlern und Künstlerinnen. Sie bleiben in Site Visit präsent und stehen für einen wirklichen Anfang. Auf Robert Crotla, Sebastian Dacey, Mani Hammer und Anne Rößner bezieht sich Berthold Reiß anders als auf öffentliche Kunst. Der Bezug reicht vom Zusammenleben bis zur Gegnerschaft.

Eine Exkursion (16 Uhr) überträgt eine im Orient gefundene Vorstellung von Einheit auf die Stadt Freiburg. In der Türkei hat Berthold Reiß Üçüncü, Das Dritte, 2014 auf der Biennale von Sinop vorgestellt. Was ist das Dritte, das ein mittelalterliches Glasfenster und ein modernes Modegeschäft miteinander verbindet?

Die Rede Paradies (18 Uhr) zeigt die europäische Aneignung des Islam als eine Perspektive, in der das Projekt der Moderne von neuem erscheint. Für die Rede selbst gilt, was Ayşe Polat über einen Vortrag von Berthold Reiß in Istanbul gesagt hat: „Es ist wie ein abstraktes Bild.“ Die Rede wird in Site Visit durch die Publikation relief präsent sein.

 

Harm van den Dorpel
Some things that work in one decade don’t work in the next, so mark it down as a noble idea that failed.
Mittwoch, 12.04.2017, 19 Uhr

site visit Screen Shot 2016-12-01 at 21.22.49.tif Screenshot of http://harmvandendorpel.com/transplant.
Courtesy: der Künstler

Harm van den Dorpel (* 1981, Niederlande) zählt zu den wichtigen Akteuren der sogenannten „Post-Internet“ Kunst. Ein großer Teil seiner Arbeit, die digitale wie auch traditionellere Medien einschließt, lässt sich als Kollaboration mit Algorithmen beschreiben. Er hat eine Reihe von Web-Ausstellungen realisiert, das nicht-lineare, soziale Netzwerk deli near info geschaffen und betreibt mit der left gallery eine Blockchain-basierte Online-Galerie.

Van den Dorpel begleitet Site Visit mit der Website http://sitevisit.site/, die sich parallel zu dem Projekt entwickelt. Im Kunstverein wird er in einem Vortrag über Wandel, Enttäuschung und Hoffnung sprechen. Als Kind der 1980er Jahre wuchs er mit den wachsenden Erwartungen in das messianische Potential digitaler Technologie auf: Alle Information würde für alle zugänglich sein – zu jeder Zeit und kostenlos –, jeder könnte berühmt sein, alle Inhalte würden gleich wichtig sein.

Diese Versprechen, die eine zunehmende Dematerialisierungen des täglichen Lebens (ein fließender Wechsel von Identitäten), des Berufslebens (das papierlose Büro) und der Kunst (von der Konzept- zur Netzkunst) ankündigten, lösten ihr utopisches Potential nicht ein. Oder haben wir sie / sie sich in ihr Gegenteil verkehrt?

In welchem Maße wurden diese vermeintlichen technischen Befreiungen durch ökonomische Mechanismen ausgelöst und zugleich verhindert? Welche implizite Ideologie stand dahinter, die sich als Fortschritt tarnte?

 

Lukas Quietzsch, Philipp Simon
Buffet der guten Zwecke
Donnerstag, 06.04.2017, 19 Uhr

Quietzsch und Simon

Lukas Quietzsch, Philipp Simon, Buffet der guten Zwecke, 2017

Lukas Quietzsch (* 1985, Deutschland) und Philipp Simon (* 1987, Deutschland) arbeiten unabhängig voneinander in der Fläche mit Bildern, mit Objekten, Material und Raum oder sprachlich mit Texten. In ihren gemeinsamen Ausstellungsprojekten spielen sie Authentizitätssignale und Entfremdungsmechanismen gegeneinander aus und kultivieren Kontexte, die über gängige Strategien künstlerischer Selbstpositionierung hinausweisen. Gemeinsam mit Monika Senz betreiben sie seit 2014 in Berlin den Ausstellungsraum LISZT (http://lisztliszt.de/).

Für Site Visit planen Quietzsch und Simon eine Intervention, die das Büro des Kunstvereins in der Ausstellungshalle sowie die umlaufende Balustrade im ersten Stock einbezieht. Dabei wird eine intimere und persönliche Sphäre einer unzugänglichen, funktionalen Organisation entgegengestellt. In einer gemeinsamen Lesung werden die Künstler von ihnen aufgestellte Formen und Figuren, die sich als austauschbare, abgerichtete Hohlkörper darstellen, durch Überlegungen und Narrative füllen. Das in dem räumlichen Setting angedeutete bipolare Modell wird in den Texten gegen sich selbst gewendet.

„… uns ist es wichtig dir einen Eindruck zu geben, wie wir den Site Visit verstehen, auch für unsere eigene Arbeit und letztlich auch als Experiment. Ein Hauptinteresse liegt in unserer Zusammenarbeit und letzten Endes auch in der Visualisierung, im Schaffen von neuen Rahmen innerhalb eines Rahmens; also hier der Art des Kunstvereines und deiner kuratorischen Idee des Site Visits, künstlerische Referenzen und Methoden organischer, prozessualer und progressiver zu zeigen. Wir wollen darin einen Rahmen bauen, der mehrere Perspektiven auf die genannten Themen und Ausgangspunkte zulässt – ein Buffet der Guten Zwecke.“ (Lukas Quietzsch und Philipp Simon in einer E-Mail an Heinrich Dietz vom 21.03.2017)

 

It’s our Playground
Framework, Standpoint
Freitag, 24.03.2017, 19 Uhr

It´s our playground It's Our Playground, Reconstructive Memory Ausstellungsansicht, Galerie Valentin, Paris, 2016 Foto: Grégory Copitet, 2016 Courtesy Galerie Valentin, Paris.

It’s Our Playground (IOP) wurde 2009 von Camille Le Houzec (* 1986, Frankreich) und Jocelyn Villemont (* 1986, Frankreich) gegründet. Sie machen das Kuratieren zum Medium ihrer künstlerischen Arbeit und experimentieren mit dem Format Ausstellung in physischen wie in online-Manifestationen. So leiteten IOP beispielsweise den Projektraum SWG3 in Glasgow oder betreiben die Website http://itsourplayground.com/ als digitalen Ausstellungsraum. Einen zentralen Stellenwert nimmt dabei das Verhältnis zwischen physischer Präsenz und Online-Zirkulation ein.

Für Site Visit hat IOP das Ausstellungsdisplay Framework entwickelt, das einen flexiblen, von der Architektur losgelösten Rahmen für die unterschiedlichen Beiträge bereitstellt. Die modellhaften Display-Elemente greifen eine Problematik physischer Ausstellungen auf: Diese sind heute vor allem Anlass für Installationsansichten, die in ihrer digitalen Zirkulation zum vorrangigen Medium der Rezeption werden. Auch wenn die künstlerischen Beiträge mit einem Besuch an einem konkreten Ort, einem site visit im Kunstverein Freiburg verknüpft sind, kreiert Framework für sie einen (Foto-)Hintergrund, der Spuren dieses Ortes aufhebt. Als ob die Beiträge noch nicht ganz da, oder bereits auf dem Weg in die digitale Zirkulation wären. Am Eröffnungsabend werden IOP die Präsentationselemente als Hintergrund für ihre Performance Standpoint nutzen. Dabei werden sie Funde ihrer Spurensuche im Kunstverein zusammen mit Marc Doradzillo – dem Ausstellungsfotografen des Kunstvereins – dokumentieren und damit Objekte, die den Ort kennzeichnen, ins Virtuelle übertragen.

 

New Noveta
Fateful
Freitag, 24.03.2017, 20 Uhr

new noveta New Noveta, Fateful, 2017, Foto: Louis Backhouse, 2017

New Noveta ist das gemeinschaftliche Projekt der in London lebenden Künstlerinnen Ellen Freed (* 1988, Schweden) und Keira Fox (* 1984, Großbritannien). Ihre multidisziplinären Performances verbinden Sound-Produktion, Requisiten, Kostüme, Installation mit körperlicher Aktion und Tanz. Die Arbeiten von New Noveta setzten sich mit sozialer und politischer Konformität auseinander sowie mit Methoden, Angst, psychische und emotionale Kämpfe zu kanalisieren. In den eruptiven Auftritten wirken das ganze Handeln und die Körper von einer Panik und einem ziellosen Aktionismus erfasst, als wäre der Verwertungs- und Erfolgsdruck unserer Hochleistungsgesellschaft ins Unkontrollierbare übersteigert. Zugleich lässt New Noveta im katastrophischen Kontrollverlust Momente der Unterstützung und Empathie aufscheinen.

Zur Eröffnung von Site Visit präsentieren New Noveta ihre neue Performance Fateful:

Locked into the repeated loops
The banal content of the drive
Reconstruct ourselves through the stress
"weakness" "illness" "pacification" "power"

 

Aktuelle Veranstaltung

Sa, 22.07., 19 Uhr
Louise Guerra, Chapter 20, Further Futures

Gäste / Veranstaltungen

Fr, 24.03.,19 Uhr
New Noveta, Fateful
It’s Our Playground, Standpoint

Do, 06.04., 19 Uhr
Lukas Quietzsch, Philipp Simon, Buffet der guten Zwecke

Mi, 12.04., 19 Uhr
Harm van den Dorpel
Some things that work in one decade don't work in the next

Sa, 22.04., 15 Uhr
Berthold Reiß, Paradies
mit Werken von Robert Crotla, Sebastian Dacey, Mani Hammer, Anne Rößner

Do, 27.04., 19 Uhr
Pakui Hardware, Hesitant Hand. Automated Efficiency

Do, 04.05., 19 Uhr
Amy Lien & Enzo Camacho, oder

Do, 11.05., 19 Uhr
Aaron Angell, Roman Seal Matrix Forgery Demonstration mit Gedichten von Lucy Mercer

Mi, 17.05., 17 Uhr
Chus Martínez, Nicht in die ferne Zeit verliere dich, den Augenblick ergreife, er ist dein
mit Beiträgen von Severine Christen, Desiree Nüesch, Yanik Soland, Inka te Haar und Adrian Eiserlo

Sa, 27.05., 15 Uhr
Stephan Dillemuth, Corporate Rokoko

Sa, 17.06., 15 Uhr
Susanne M. Winterling, Pandora’s Box

Do, 22.06., 19 Uhr
Dominik Sittig, Monkey Memoir

Sa, 01.07., 15 Uhr
Mirak Jamal & Santiago Taccetti, Stoneroses #7

Sa, 08.07., 15 Uhr
Angela Jerardi & Antonia Lotz, Future activity, or how to compost an art institution

Sa, 22.07., 19 Uhr
Louise Guerra, Chapter 20, Further Futures

 

Rahmen

ab Fr, 24.03.
Harm van den Dorpel, sitevisit.site, Website
It’s Our Playground, Framework, Display Elemente

Eröffnung

Freitag, 24.03. um 19:30 Uhr
Einführung: Heinrich Dietz, Direktor

Vermittlung

ab Fr, 24.03.
Büro des Kunstvereins in der Ausstellungshalle

Do, 01.06., 19 Uhr
Direktorenführung und Gespräch

Do, 13.07., 19 Uhr
Führung

So, 07.05., 14 Uhr
Die Jungen Wilden – Kinderworkshop

Öffnungszeiten

Di – So 12 – 18 Uhr
Mi 12 – 20 Uhr, Mo geschlossen

Osterfeiertage und Pfingstmontag geöffnet.

Eintritt: 2 €/1,50 €
Donnerstag gratis, Mitglieder frei

 

Der Kunstverein wird gefördert durch:

Stadt Freiburg      Land Baden Württemberg         Sparkasse Freiburg